Auf den ersten Blick scheint die Pharmaindustrie gesund. Aber schaut man unter die Oberfläche, dann zeigt sich: Die Pharmaindustrie steht vor großen Herausforderungen – und der Druck kommt gleich von mehreren Seiten.
In den entwickelten Gesundheitsmärkten schmerzen vor allem die abnehmende F&E-Produktivität der Pharmaunternehmen bei gleichzeitig immer kürzer werdenden Patentschutzzeiten. Hinzu kommen verschärfte Ausgabenbegrenzungen im Gesundheitswesen. Gleichzeitig erfordern die immer wichtiger werdenden Wachstumsmärkte ein deutlich angepasstes Produktangebot, das die Preisspannen und damit Erwerbsmodelle anderer Märkte schlicht nicht zulässt. Die Kombination beider Effekte führt bei den etablierten Pharmaunternehmen sowohl umsatz- als auch kostenseitig zu einer sich zuspitzenden Situation, in der die bestehenden Geschäftsmodelle auf den Prüfstand müssen.
Vergleicht man mit anderen Branchen, scheinen die notwendigen Konsequenzen allerdings noch nicht gezogen – obwohl es viele Ansatzpunkte gibt. Betrachtet man beispielsweise die Produktivität, so ist die Konsumgüter- und Hightech-Branche der Pharmaindustrie weit voraus. In diesen Industrien wurden gewaltige Effizienzfortschritte erzielt, während im Pharmabereich eher marginale Verbesserungen realisiert werden.
Die entscheidende Frage ist doch, wie lange die etablierten Pharmaunternehmen noch auf dem Status quo ruhen können. Denn andere Branchen haben hinlänglich gezeigt, dass eines Tages ein Unternehmen kommt, dass mit einer konsequenten Strategie alle bestehenden Regeln außer Kraft setzt. Am Ende entsteht oft ein neuer Marktführer mit einem manchmal nur leicht modifizierten Geschäftsmodell. So konnte beispielsweise Apple mit einem Fokus auf Design und Marketing sowie einer extrem effizienten Wertschöpfungskette den Handymarkt revolutionieren und die bisherigen Marktplayer in den Schatten stellen. Zara hat im Textilbereich gezeigt, dass durch hohe Konsumentennähe, attraktive Sortimentspolitik sowie integriertes Supply Chain Management ein deutlicher Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz aufgebaut werden kann. Im internetbasierten Handel hat Zalando eindrucksvoll den bestehenden Glaubenssatz pulverisiert, dass der Verkauf von Mode nur im Ladengeschäft möglich ist.
Wo liegen die Ansätze in der Pharmaindustrie? Natürlich kann es nur unternehmensspezifische Lösungen geben. Aber muss die Pharmaindustrie tatsächlich ihre übliche hohe Fertigungstiefe vorhalten? Ein hoher Teil der Fertigung könnte beispielsweise an zertifizierte Vertragsfertiger ausgelagert werden. Das Unternehmen selber könnte sich dann auf die Forschung und Entwicklung sowie die Verarbeitung von Patientendaten zur Verbesserung des Produktangebots sowie zur Steigerung der Medikamentenwirksamkeit konzentrieren. Oder wir übertragen die Lehren aus den Supply Chains der Automobilwirtschaft: Spezialisierte Produktionsbetriebe siedeln sich in der Nähe von Krankenhäusern und Gesundheitszentren an. Hier produzieren und liefern sie ihre Produkte entsprechend der aktuellen Nachfrage „Just-in-Time“.
Keine Frage, die Marktentwicklungen im Pharmabereich werden mittelfristig zu gravierenden Umwälzungen bei den Geschäftsmodellen führen. In Zukunft werden vor allem die Unternehmen erfolgreich sein, die schneller neue Marktmöglichkeiten erkennen und ergreifen. Und die den Mut haben, mit neuen Geschäftsmodellen zu experimentieren und damit ihre Organisation auf kommende Veränderungen vorbereiten.
Zögern ist mit Sicherheit keine Lösung.








